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Mit dem selbstgebauten Kanu auf Rhein-Exkursion

Das naturwissenschaftliche Profil des Quenstedt-Gymnasiums schließt Ende Klasse 10 mit einer Abschlussfahrt. Dabei stehen insbesondere auch Betriebsbesichtigungen auf dem Programm. 16 Schülerinnen und Schüler entschieden sich  in diesem Jahr dafür, mit Kanus den Rhein zwischen Karlsruhe und Bingen zu erkunden. In dieser sensiblen Region stoßen wirtschaftliche und ökologische Interessen hart aufeinander. Dass es nicht einfach ist, diese Interessen richtig auszutarieren, lässt sich mit dem Boot im wahrsten Sinne des Wortes erfahren.

Das Projekt „Rheinbefahrung“ begann bereits vor drei Jahren. Damals wurde Bootsbau als ein Modul in den NWT-Unterricht in Klasse 8 eingeführt. Von Montag 04. bis Freitag 08. Juli 2016 konnten sich nun die beiden inzwischen fertiggestellten Holzkanus bei einer ersten großen Ausfahrt bewähren. Durch die Unterstützung von Eltern und anderen Einrichtungen standen uns für die Unternehmung insgesamt 8 Kanus zur Verfügung. In diesen musste die Ausrüstung für 5 Tage und insgesamt 19 Personen wasserdicht verstaut werden. Lebensmittel, Getränke, Zelte, Kocher, Töpfe, Grill, Feuerholz, Laborausrüstung und vieles mehr musste in den bauchigen Bootskörpern seinen Platz finden. Deshalb wurde das Packvolumen je Person auf 60 l begrenzt.

Bis zuletzt stand die Unternehmung auf Messers Schneide. Seit Wochen führte der Rhein Hochwasser. Die Schifffahrt wurde wiederholt eingestellt. Der Pegel wollte und wollte nicht sinken. Neben der Tür zum Konrektorat des Quenstedt-Gymnasiums war deshalb der Rheinpegel von Karlsruhe-Maxau angebracht worden. Dieser wurde täglich aktualisiert. So konnten sich alle Teilnehmer bangen Blicks davon überzeugen, wie es um die Unternehmung stand. Am Donnerstag, 30. Juni, fiel dann endlich die Entscheidung. Wir fahren!

Wir verlegten die Einstiegstelle einige Kilometer flussab nach Philippsburg. Das Gelände des dortigen Kanuclubs war noch mit der Schlammfracht des ablaufenden Hochwassers bedeckt. Das freute die Stechmücken. Die umliegenden Altrheinarme boten uns optimale Trainingsmöglichkeiten. Zugleich wurde bei der Slalomfahrt zwischen den Baumstämmen der überfluteten Auwälder die Bedeutung dieser Auenlandschaft für den Hochwasserschutz offensichtlich.

Als wir am Dienstag in Philippsburg ablegten, lagen bis zum Zielort Bingen 140 Flusskilometer vor uns. Dazu kam ein umfangreiches Besichtigungsprogramm.  Den Anfang machte eine Führung in der Braun Werft in Speyer. Dort lernten wir einiges über den Strukturwandel nicht nur der Rheinwerften sondern der Werften in ganz Europa. Die Konkurrenz aus Fernost lässt hier nur noch Nischenbetriebe überleben.  Am Mittwoch stand eine Werksführung bei der BASF auf dem Programm. Alleine schon die Dimension des Werksgeländes ist kaum vorstellbar. Mit dem Kanu sollten wir anschließend 40 Minuten benötigen, um die 6 km zurückzulegen, über die sich das Firmengelände entlang des Rheines erstreckt. Wir erfuhren viel über die Produkte der BASF aber auch über die Entwicklungsschritte, die durchlaufen werden müssen, um vom Laborexperiment bis zur großtechnologischen Anlage zu kommen, die eine industrielle Fertigung zulässt. Am Donnerstag passierten wir das größte Naturschutzgebiet Hessens, den Kühkopf. Dort lernten wir in einer sehr kompakten Informationsveranstaltung interessante Details über die Anpassung der Lebewesen an die unregelmäßigen Überflutungen der Rheinauen am Beispiel der Rheinischen Stechmücke und über die Bedeutung des Grundwasserspiegels für den Erhalt der Auenlandschaft sowie über die Interessenskonflikte beim Hochwasserschutz.

Eigene Gewässeruntersuchungen rundeten das Bild ab. Der hohe Nitratgehalt zeigte deutlich die Folgen des Hochwassers. Durch die starken Niederschläge wurden offensichtlich von den landwirtschaftlich genutzten Flächen in erheblichem Umfang Dünger in den Fluss eingetragen. Positiv wirkte sich das Hochwasser dagegen auf den Sauerstoffgehalt und die Wassertemperatur aus. Das warme Kühlwasser der Kraftwerke heizte den Fluss auf bis zu 20,2 Grad Celsius auf. Dies ist im Vergleich zu normalen Pegelständen noch recht erträglich, macht aber deutlich, dass für die Güte des Rheinwassers heute nicht mehr die chemische Verschmutzung sondern die Wärmelast der limitierende Faktor ist.
Während der gesamten Fahrt waren wir auf Tuchfühlung mit den Frachtern, Tankern und Schubverbänden, die den gigantischen Warenstrom sicherstellen, der erforderlich ist, um die industrielle Produktion im Rhein-Neckarraum am Laufen zu halten.

Der Interessnkonflikt zwischen Naturschutz einerseits und industrieller sowie landwirtschaftlicher Nutzung andererseits ist offensichtlich. Darüber kann auch die Verbesserung der Gewässerqualität des Rheins nicht hinwegtäuschen. Die Verbauung der Ufer nimmt beständig zu. Im Gegenzug umfasst der naturnahe Auwald nur noch 1% der ursprünglichen Fläche. Die Schaffung zusätzlicher Überflutungsbereiche zum Hochwasserschutz stößt auf erbitterten Widerstand. Diese wenigen Punkte zeigen, wie schwierig es in unserer Gesellschaft ist, dem Gemeinwohl den Vorrang vor lukrativen Einzelinteressen einzuräumen.

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Kategorie: Tagebuch
Veröffentlicht am 13. Juli 2016